Auch wenn die etablierten Medien solche Vergleiche nicht ernst nehmen und sie deswegen nicht bemühen, muss es doch einen Grund geben, warum scheinbar immer mehr Menschen diese Ängste teilen.
Die Frage um die sich mein heutiger Blog also drehen wird ist, wieviel 1984 steckt in 2010?
Um diese Frage zu beantworten möchte ich vielleicht zunächst einmal das Gedächtnis des Leser auffrischen bezüglich des Orwellschen Weltordnung. Dies geht wohl am besten mit einem Zitat aus 1984. Orwell schildert also die Welt folgendermaßen:
"So oder so gruppiert liegen diese drei Großstaaten ständig miteinander im Krieg, wie sie es ohne Unterbrechung während der letzten fünfundzwanzig Jahre getan haben. Dieser Krieg ist jedoch nicht mehr der verzweifelte Vernichtungskampf, wie ihn die Anfangsjahrzehnte des zwanzigsten Jahrhunderts gekannt haben. Es ist ein Waffengang mit beschränkten Zielen zwischen Gegnern, die nicht in der Lage sind, einander zu vernichten, keinen materiellen Kriegsgrund haben und durch keine echten ideologischen Unterschiede getrennt sind."
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"Mit Leib und Leben ist jedoch nur eine sehr geringe Anzahl von Menschen, größtenteils hochgeschulte Spezialisten, unmittelbar in die Kriegshandlungen verwickelt, und die dadurch verursachten Verluste an Gefallenen sind verhältnismäßig gering. Die Kämpfe finden, wenn überhaupt, so nur an den undeutlich verschwimmenden Grenzen der Staatsgebiete statt, deren Lage der Mann von der Straße nur mutmaßen kann, oder im Bereich der Schwimmenden Festungen, die an strategischen Punkten der Schiffahrtsstraßen postiert sind. Für die Zivilisationszentren bedeutet der Krieg nur eine dauernde Kürzung der Gebrauchsgüter und den gelegentlichen Einschlag einer Raketenbombe, der vielleicht ein paar Dutzend Menschen zum Opfer fallen."
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"Um das Wesen des gegenwärtigen Krieges zu verstehen — denn trotz der im Abstand von einigen Jahren erfolgenden Umgruppierung handelt es sich im Grunde immer um denselben Krieg — muß man sich vor allem vergegenwärtigen, daß er unmöglich entschieden werden kann."
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"Das Hauptziel der modernen Kriegführung (gemäß den Prinzipien des Zwiedenkens wird dieses Ziel von den leitenden Köpfen der Inneren Partei gleichzeitig anerkannt und abgestritten) besteht darin, die industrielle Produktion zu verbrauchen, ohne den allgemeinen Lebensstandard zu heben."
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"Vom Augenblick des ersten Erscheinens der Maschine an war es allen denkenden Menschen klar, daß damit die unabänderliche Mühsal und damit zum großen Teil auch die Ungleichheit der Menschen erledigt waren. Wenn man die Maschine wohlüberlegt mit diesem Ziel vor Augen in Dienst gestellt hätte, konnten Hunger, Überarbeitung, Elend, Unbildung und Krankheit in ein paar Generationen überwunden werden. Und tatsächlich hob die Maschine, ohne dafür besonders eingesetzt zu werden, sondern gleichsam durch einen automatischen Vorgang — indem sie nämlich ein Mehr produzierte, das zu verteilen sich manchmal nicht umgehen ließ — während eines Zeitraums von ungefähr fünfzig Jahren gegen Ende des neunzehnten und zu Anfang des zwanzigsten Jahrhunderts sehr beträchtlich den Lebensstandard des Durchschnittsmenschen. Aber ebenso klar war es, daß ein allgemein wachsender Wohlstand das Bestehen einer hierarchisch geordneten Gesellschaft bedrohte, ja gewissermaßen ihre Auflösung bedeutete. In einer Welt, in der jedermann nur wenige Stunden arbeiten mußte, in der jeder genug zu essen hatte, in einem Haus mit Badezimmer und Kühlschrank wohnte, ein Auto oder sogar ein Flugzeug besaß, in einer solchen Welt wären die augenfälligsten und vielleicht wichtigsten Formen der Ungleichheit nicht mehr vorhanden. Wurde dieser Wohlstand erst einmal Allgemeingut, konnte er keine Vorzugsstellung mehr verleihen. Theoretisch war es zweifellos möglich, sich eine Gesellschaftsordnung vorzustellen, in welcher der Wohlstand, der persönliche Besitz von Luxusartikeln, gleichmäßig verteilt war, während die Macht in den Händen einer kleinen privilegierten Schicht lag. Aber in der Praxis konnte eine solche Gesellschaftsordnung nicht lange Bestand haben. Denn sobald alle gleichermaßen Muße und Sicherheit genossen, mußte die große Masse der Menschen, die normalerweise durch ihre Armut abgestumpft war, sich heranbilden und selbständig denken lernen.
War sie erst einmal so weit, mußte sie früher oder später dahinterkommen, daß die privilegierte Minderheit keine eigentliche Funktion hatte und würde sie beseitigen. Auf lange Sicht war daher eine hierarchisch geordnete Gesellschaft nur auf der Grundlage von Armut und Unbildung möglich.
"
Offenkundig sind wir nicht so "arm dran" wie die Einwohner Ozeaniens, Eurasiens oder Ostasiens aus Orwells Zukunftsvision. Aber trotzdem sind klare Tendenzen erkennbar, die unsere Bürgerrechte, Wohlstand und Freiheit bedrohen.
Zur Verdeutlichung will ich einige Vergleiche anführen:
- "ständig miteinander im Krieg"
-> seit 2001 befindet sich die westliche Welt im "Krieg gegen den Terror" - "ein Waffengang mit beschränkten Zielen zwischen Gegnern, die nicht in der Lage sind, einander zu vernichten"
-> Ist es realistisch, dass wenn von den USA und all seinen Verbündeten alles menschenmögliche getan würde um die Taliban und Al-Quaida in Afghanistan zu zerstören, dies in acht Jahren nicht gelingt? Kann man einen Krieg gegen den Terror überhaupt irgendwann gewinnen? - die Kämpfe finden, wenn überhaupt, so nur an den undeutlich verschwimmenden Grenzen der Staatsgebiete statt, deren Lage der Mann von der Straße nur mutmaßen kann
-> Wieviel von dem was wir über Afghanistan, Irak und andere "Schurkenstaaten" wissen (oder zu wissen glauben) stammt auf persönlichen Beobachtungen und Erfahrungen? Bei der überwiegenden Masse lautet die Antwort: Nichts.
Da daher die "einfachen Menschen" Ihrer eigenen Meinung nicht trauen, wenden sie sich vertrauensvoll an die Medien mit dem Wunsch nach Aufklärung. Welch eine Macht hätte man wenn man nun diese Medien (direkt oder indirekt) kontrollieren könnte? Unbegrenzte! - Für die Zivilisationszentren bedeutet der Krieg nur eine dauernde Kürzung der Gebrauchsgüter und den gelegentlichen Einschlag einer Raketenbombe, der vielleicht ein paar Dutzend Menschen zum Opfer fallen.
-> Im weiteren Verlauf der Buchhandlung läßt Orwell einen der Akteure die Meinung vertreten, dass es wahrscheinlich gar keine Raketenbomben des Feindes gibt, die Explosionen vielmehr von der eigenen Staatspartei (innere Partei / Big Brother) getätigt werden um einerseits die Illusion der Bedrohung aufrecht zu erhalten und andererseits Angst zu erzeugen damit die Menschen sich schutzsuchend an Ihre Führer richten.
Heutzutage übernimmt der globale Terrorismus diese Aufgabe. Behauptungen, dass beispielsweise Al-Quaida's Entstehung auf amerikanische Geheimdienste zurückzuführen ist, werden von diesen natürlich geleugnet. Das es zumindest in Zeiten des Kalten Krieges und der russischen Invasion in Afghanistan enge Verbindungen des CIA nach Afghanistan gab sind jedoch nicht mehr zu verleugnen. Auch 9/11 wird von immer mehr Menschen eher amerikanischen Geheimdiensten zugetraut (sowohl was die Machbarkeit als auch die Motivation angeht) als einer Gruppe von Religionskriegern in den Höhlen des Hindukusch. - Um das Wesen des gegenwärtigen Krieges zu verstehen ... muß man sich vor allem vergegenwärtigen, daß er unmöglich entschieden werden kann.
-> Wie oben bereits angedeuted, bezweifle ich stark, dass man den "Krieg gegen den Terrorismus" tatsächlich gewinnen kann. Auch kann ich mir kaum vorstellen, dass Strategen des amerikanischen Militärs das grundsätzlich anders sehen. Der Weg von dieser Meinung hin zu der Meinung, dass ein Sieg gar nicht erwünscht ist, ist nicht mehr weit... - War sie erst einmal so weit, mußte sie früher oder später dahinterkommen, daß die privilegierte Minderheit keine eigentliche Funktion hatte und würde sie beseitigen. Auf lange Sicht war daher eine hierarchisch geordnete Gesellschaft nur auf der Grundlage von Armut und Unbildung möglich.
-> Für Orwell war dies die Motivation der Elite. Machterhalt. Es erscheint eingermaßen einleuchtend, dass jemand der einen hohen Lebensstandard und eine große Macht erreicht hat, ein großes Bedürfnis hat den status quo zu erhalten. Genauso klar ist die Motivation aller anderen den gleichen Standard (mindestens) zu erreichen. Dies kann aber nicht erreicht werden; wenn alle herrschen bleibt niemand mehr übrig zum beherrscht werden. In gewisser (zynischer) Weise könnte man also sagen, dass es dem natürlichen Instikt entspricht, dass eine Elite die Untergebenen unterdrückt. Ist es da unwahrscheinlich, dass unsere Führer (oder ein Teil davon) diesen Instikten nachgeben?
- auf die Anschläge vom 11.09.2001 folgte beinahe umgehend der "Krieg gegen den Terror" welcher bis heute andauert und für den kein Ende absehbar ist (nur die Schauplätze wechseln)
Erst Afghanistan, dann Irak. Heute nach dem Tod hunderttausender (überwiegend völlig unschuldiger, friedliebender) Menschen sind diese beiden Schlachtfelder offenbar langsam abgenutzt, ein Abzug ist beschlossene Sache. Allerdings warten mit Iran, Jemen oder Nordkorea bereits die nächsten "Feinde". - Patriot Acts (USA) - unter dem Deckmantel des Patriotismus wurden massive Erweiterungen der Polizeigewalt beschlossen, welche unter anderem folgendes beinhalten: Personenüberwachung massiv ausgeweitet, Verhaftung und Verhör bis zu 7 Tagen ohne Anklage (nur auf Verdacht hin), Telefonüberwachung ohne richterlichen Beschluß etc.
Für alle diese Maßnahmen genügt der Terrorismusverdacht, ein sehr dehnbarer Begriff... - Deutschland - Patriotismus funktioniert als Motiv in Deutschland weit weniger gut als in den USA, weshalb hierzulande die direktere aber nicht weniger wirksame Medienkeule "Terrorgefahr" geschwungen wurde um viele Einschnitte in Bürgerrechte, Datenschutzrechte und allgemeine Freiheit durchzusetzen. Im Gegensatz zum Patriot Act wurden (und werden) in Deutschland statt eines sehr allgemein formulierten, großen Gesetzesbündels, viele vermeintlich kleine Gesetzesänderungen vorgenommen, wie beispielsweise folgende: Terrorismusbekämpfungsgesetz (Befugnisse der Geheimdienste erweitert), Finanzmarktförderungsgesetz (Banken müssen Daten speichern zu allen Konten, Depots etc aller Kunden), Änderung des Bundesgrenzschutzgesetzes (Kontrollen ohne Verdacht), Telekommunikationsgesetz (Telekommunikationsunternehmen müssen Kundendaten speichern), Neuregelung der präventiven Telekommunikations und Postüberwachung, Antiterrordatei (verdächtig ist zB wer, Vorratsdatenspeicherung.
Ein Ende der Einschränkungen ist bisher nicht abzusehen. Ist er erwünscht?
Den für ein orwellsches System benötigten immerwährenden Krieg haben wir bereits. (eigentlich schon lange, denn vor dem "Krieg gegen den Terror" gabs den "Kalten Krieg", der eigentlich gar keiner war aber eine zeitlang den gleichen Effekt hatte). Auch an der schrittweisen Abschaffung der Bürgerrechte und persönlichen Freiheiten wird offenbar beharrlich gearbeitet. Ist das alles Zufall? Das möge der Leser selbst entscheiden...
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