Wer regelmäßig die Onlineausgaben von Zeitungen liest, weiß dass dort oft der viel interessantere Teil einer Artikelseite unter dem eigentlichen Artikel zu finden ist, nämlich im Kommentarbereich. So war es auch in diesem Fall, denn dort entbrannte sofort die Debatte über diese Textzeile aus dem Deutschland Lied.
Dies zum Anlaß nehmend möchte ich nun meine Gedanken zum Lied der Deutschen zu Papier bringen (oder sagt man heute "zu Bildschirm bringen"?). Zunächst brauche ich dazu natürlich einmal den kompletten Text, der übrigens entgegen manchem Gerücht keineswegs verboten ist.
Das Lied der Deutschen
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt,
Wenn es stets zu Schutz und Trutze
Brüderlich zusammenhält,
Von der Maas bis an die Memel,
Von der Etsch bis an den Belt –
Deutschland, Deutschland über alles,
Über alles in der Welt!
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang
Sollen in der Welt behalten
Ihren alten schönen Klang,
Uns zu edler Tat begeistern
Unser ganzes Leben lang –
Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Für das deutsche Vaterland!
Danach laßt uns alle streben
Brüderlich mit Herz und Hand!
Einigkeit und Recht und Freiheit
Sind des Glückes Unterpfand –
Blüh im Glanze dieses Glückes,
Blühe, deutsches Vaterland!
Bekanntlich wird seit dem Ende des 2. Weltkrieges offiziell nur noch die dritte Strophe des Liedes gesungen. Dies wird vor allem damit begründet, dass gerade die erste Strophe in der Zeit zwischen den Weltkriegen ideologisch benutzt wurde um Stimmung gegen den Versailler Vertrag zu machen und allgemein um nationalistische Gefühle in den Deutschen zu wecken. Daher ist auch nicht verwunderlich dass nach der Gründung der BRD auf jene Strophe verzichtet wurde, war die Erinnerung an die Schreckenszeit sowohl im Inland als auch im Ausland noch frisch.
Geschrieben wurde der Text 1841 von Hoffmann von Fallersleben, allerdings nicht als Hymne für einen deutschen Nationalstaat, denn einen solchen gab es zu dieser Zeit nicht. Auf dem Boden auf dem später das Deutsche Reich(*1871) entstehen sollte, befanden sich eine Vielzahl von kleinen, mittelgroßen und großen politischen Gebilden, von den Preußen und Österreich die größten und mächtigsten waren. Fallersleben bezieht sich wie man im Text nachlesen kann allerdings nicht auf einen davon, noch nicht einmal auf alle diese "deutschen" Gebilde. Er bezieht sich auf die Menschen, die sich durch Ihre Sprache und Kultur den Deutschen zugehörig fühlen und die zwischen Maas und Memel, Etsch und Belt leben.
Die Zeit nach dem Untergang des heiligen römischen Reiches und der Gründung des Deutschen Reiches (1806-1871) war gekennzeichnet von der Dominanz Frankreichs in Kontinentaleuropa. Napoleon hatte in zahlreichen Kriegen den Großteil Europas besiegt und in der Folgezeit wurde die Besiegten nachhaltig unterdrückt. Dies führte (nicht nur bei den Deutschen) zu einer Freiheitsbewegung, die die Oberhoheit Napoleons abstreifen wollte. In Deutschland kam diese Bewegung zusammen mit den Bestrebungen einen geeinten deutschen Staat zu gründen.
Fallersleben gehörte dieser Bewegung an (er wollte ein geeintes Deutschland unter der Kaiserkrone). Dies war der Vater des Gedankens, der zum Deutschlandlied führte. Nur "Wenn es stets zu Schutz und Trutze Brüderlich zusammenhält" konnten die Deutschen hoffen Frankreichs Armeen zu besiegen. Nur wenn ein jeder das Wohl seines Volkes höher schätzte als sein persönlisches Wohl, also "Deutschland über alles in der Welt" stellte (man beachte es heißt nicht "über allen in der Welt") war das scheinbar unmöglische möglich, nämlich "Einigkeit und Recht und Freiheit Für das deutsche Vaterland". Auch dass sich ein Kampf lohnen sollte war für die Anhänger dieser Bewegung klar, waren doch "Deutsche Frauen, deutsche Treue,
Deutscher Wein und deutscher Sang" erhaltenswürdig. Das ist die Art und Weise wie es gemeint war und wie es vor 1918 verstanden wurde.
Was wiegt also schwerer? Die Ideale der Freiheitsbewegung im 19. Jahrhundert oder die nationalistische Umdeutung des frühen 20. Jahrhunderts? 1952 war die Antwort eindeutig. Zu nah die Erinnerung an die Schrecken und Verbrechen des 3. Reiches.
Heute so glaube ich kann man diese Frage wieder ergebnisoffen diskutieren. Die Antwort freilich muss sich jeder selbst geben.
Keine Kommentare:
Kommentar veröffentlichen