Ich verfolge per RSS-Feeds einer Reihe von Onlineausgaben deutscher und internationaler Zeitungen. Eine Sache, die mir dabei neulich, nicht zum ersten Mal und sicher auch nicht zum letzten Mal, aufgefallen ist, ist, dass in unregelmäßigen Abständen Nachrichten offenbar weltweit die Titelblätter füllen, die zwar erschreckend sind, jedoch nüchtern betrachtet nur lokale Medien beschäftigen sollten.
Beispielhaft anführen könnte man die Nachricht, dass in einem afghanischen Dorf ein Liebespaar gesteinigt wurde oder den Fall der von einem afghanischen Mädchen berichtet, dem Nase und Ohren abgeschnitten wurden.
Beispiele für Artikel über die Steinigung:
Die Zeit, New York Times, Los Angeles Times, The Guardian, Süddeutsche
Beispiele mit Artikeln über die Verstümmelung:
Der Spiegel, Washington Post, Der Tagesspiegel, CNN, NBC
Die Reaktion auf solche Nachrichten ist meist eine von den beiden folgenden*:
* der Leser ist bestürzt über das was er liest und verabscheut diejenigen, die die geschilderten Gewalttaten verübt haben
* der Leser ist bestürzt über das was er liest, fragt sich jedoch warum nun ausgerechnet diese Nachricht weltweit erscheint, sollte man doch meinen, dass ähnlich schlimme Sachen irgendwo auf der Welt minütlich passieren und man täglich ganze Zeitungen damit füllen könnte
(*Beides kann man tendenziell aus den Kommentaren der Leser der Zeitungen entnehmen)
Die erste Reaktion ist die instiktive Reaktion. Es ist also völlig normal wenn man so denkt. Jedoch sollte man bedenken, dass es Menschen gibt, die diese instiktive Reaktion kennen und die bereit sind diese für Ihre eigenen Zwecke zu mißbrauchen.
Die zweite Reaktion stammt von kritischeren Lesern, die bereits erkannt haben, dass Zeitungen eben keine neutralen Quellen von Fakten sind, sondern Institutionen die nicht zum Wohle des Lesers existieren, sondern weil sie als Unternehmen Gewinn machen wollen. Obwohl das Gewinnstreben völlig legitim ist, bringt es doch auch eine erhebliche Gefahr mit sich, nämlich die, dass es gleich auf mehreren Ebenen die Neutralität der Zeitungen bedroht.
1. Zeitungen müssen auch verkauft werden. Das führt tendenziell dazu, dass nur veröffentlicht wird, was auch als gut verkäufliche Nachricht gewähnt wird. Dies widerum kann dazu führen, dass entweder die Aufmachung derart gestaltet wird, dass das Berichtete viel aufregender erscheinen als sie es eigentlich sind oder gar dazu, dass bestimmte Nachrichten gar nicht oder nur unzureichend behandelt werden.
2. Zeitungen sind auf Anzeigen und Investoren angewiesen. Immer wenn die eigene Existenz vom Wohlwollen Anderer abhängt, ist der Mensch daran gelegen es seinem Gönner recht zu machen (Die Hand die einen füttert, beißt man nicht). Eine natürliche Reaktion, die aber im Falle der Zeitungen (oder Medien allgemein) durch deren gesellschaftliche Rolle eine große Gefahr sein kann.
3. Zeitungen sind auch auf das Wohlwollen von Politikern angewiesen. Dieses Wohlwollen ist vielleicht nicht so existentiell wichtig wie das Wohlwollen der Leser und Geldgeber, kann aber auch nicht vernachlässigt werden.
Dies läßt sich am besten am Beispiel einer Pressekonferenz darstellen: 1 Politiker, 50 Journalisten. Alle haben fragen. Der Interviewte benennt den Fragesteller. Wen wird er wohl auswählen, den bei dem er weiß, dass die Frage einem Angriff gleichkommt oder den der sein Wohlwollen genießt und dessen Frage entsprechend ein wenig seichter sein wird?
Ein weiterer Grund dafür, dass Zeitungen nicht neutral sind ist ebenfalls sehr menschlich, es ist nämlich der, dass die Journalisten, die die Artikel schreiben auch Menschen sind und als solche eine eigene Meinung vertreten. Selbst der redlichste Schreiber, der so neutral wie möglich zu berichten versucht, wird seine eigenen Erfahrungen und Überzeugungen unterbewußt einbringen (es sind oft so kleine Sachen wie ein Adjektiv -> "das schreckliche Verbrechen"). Der unredliche Reporter wird dies sogar ganz bewußt tun.
Wenn ich also einen Artikel in einer Zeitung lese (oder einen Blog oder Nachrichten im TV sehe ... ) dann frage ich mich als erstes: "Wer will aus welchem Grund das ich das eben berichtete weiss?"
Um bei meinem Beispiel zu bleiben, frage ich also: "Wer will, dass ich von Steinigungen und Verstümmelungen durch afghanische Taliban erfahre und aus welchem Grund soll ich davon erfahren?"
Das "Warum" ist nicht sonderlich schwer zu erraten, die Artikel sollen dem Leser darlegen "warum wir kämpfen". Das "Wer" ist schon schwerer zu identifizieren und ich muss mich dabei auf Mutmaßungen stützen. Fragt man sich allerdings wer am meisten davon profitiert, wenn die Bevölkerungen der in Afghanistan kriegführenden Länder wissen wofür sie kämpfen, ist der Personenkreis schon recht gut eingrenzbar. Ich werde ganz allgemein bleiben und sagen, es sind die gleichen Interessengruppen, die vom Krieg selbst profitieren.
Nun ist die Idee der Bevölkerung zu erklären "warum wir kämpfen" nicht neu, im zweiten Weltkrieg gab es beispielsweise eine "Dokumentarfilmreihe" mit dem Titel "Why we fight" ("Warum wir kämpfen") die heutzutage als Propaganda entlarvt ist.
Kann man also solche Zeitungsartikel auch Propaganda nennen?
Die Kriterien für Propaganda könnte man kurz so zusammenfassen
- es wird für ein politisches Ziel geworben
- wenn nötig werden bestimmte Informationen gezielt weggelassen bis hierhin könnte man noch von Öffentlichkeitsarbeit (neudeutsch: PR) sprechen
- das Ziel ist es den Leser von einer vorgefertigten Meinung zu überzeugen
- wenn sachliche (Des-)Informationen nicht genügen, ist emotionale Mobilisierung ein beliebtes Mittel
Wiki erklärt es so: Propaganda
Für mich steht damit also fest, solche Artikel erfüllen die Kriterien für Propaganda, ob nun in allen Einzelfällen vom jeweiligen Journalisten so gewollt oder nicht. Ich will nicht jedem Reporter Böses unterstellen, obwohl es Solche sicher auch gibt, mir geht es vor allem darum
a) für einen Journalismus zu werben, der neben dem Gewinn auch Ziele wie die Überwachung des Staates verfolgt und sich dabei so wenig wie möglich durch Abhängigkeiten von Politikern, Kunden und Geldgebern instrumentalisieren läßt.
b) Leser aufzufordern, kritisch mit Zeitungen etc. umzugehen und sich selbst eine Meinung zu bilden.
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